ki-fuer-menschen · 2026-05-17

Vibe Coding als Droge — Eine ehrliche Selbstbeobachtung

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TL;DR

Vibe Coding ist produktiv. Vibe Coding ist auch eine Droge. Nach 12 Monaten täglicher Anwendung beobachte ich an mir drei Symptome, die mehr mit Spielautomaten-Mechanik als mit Software-Engineering zu tun haben: Reward-Loops im 2-Minuten-Takt, Zeitwahrnehmung kollabiert, Schwierigkeit beim Aufhören. Dieser Post ist eine ehrliche Selbstbeobachtung, kein Karpathy-Bashing — Vibe Coding ist eine echte neue Methode mit echtem Nutzen. Aber die Diskurs-Lücke, die ich schließen will, ist: wir reden über die Vorteile, niemand redet über die Sogwirkung. Drei Symptome, drei Stop-Listen, eine Stopfrage.

Vibe Coding als Droge — Selbstbeobachtung nach 12 Monaten Featured-Image-Platzhalter: stilisierte Selbstbeobachtung mit Reward-Loop-Visualisierung. Asset folgt — Prompt am Ende.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Vibe Coding eigentlich?

Der Begriff wurde im Februar 2025 von Andrej Karpathy geprägt (siehe Wikipedia-Eintrag zum Begriff), wurde Collins English Dictionary “Word of the Year 2025”, und hat in 18 Monaten den Software-Diskurs verändert.

Kern-Definition (aus Karpathys ursprünglichem Tweet): “Ich beschreibe einer KI was ich will, akzeptiere den generierten Code ohne ihn zu lesen, und reagiere nur wenn er nicht das tut was ich wollte.”

Wichtig: Vibe Coding ist nicht Agentic Coding. Simon Willison schreibt im Mai 2026, dass die beiden Begriffe immer näher zusammenwachsen, aber konzeptuell anders sind:

  • Vibe Coding: Vertrauen auf Output, keine Code-Review, Reagieren auf Verhalten
  • Agentic Coding / Engineering: Vertrauen auf Prozess, Spec-Driven, Test-getrieben

Mein produktiver Tagesablauf ist 80% Agentic, 20% Vibe. Der Vibe-Anteil ist der süchtigmachende.

Die drei Symptome, die ich an mir beobachte

Symptom 1: Der 2-Minuten-Reward-Loop

Beim Vibe Coding tippe ich einen Prompt, warte 30-90 Sekunden, lese das Ergebnis, akzeptiere/verfeinere/verwerfe — und tippe den nächsten Prompt. Diese Schleife läuft typisch alle 2-3 Minuten.

Per Stanford-Forschung zu Variable Reward Schedules ist genau das die Reward-Frequenz, die Slot-Machine-Designer und Social-Media-Algorithmen optimieren. Wir wissen, dass diese Schedule-Form Dopamin-Releases maximiert.

Beobachtung: wenn ich eine Stunde Vibe Coding mache, danach klassisch Code lese und schreibe (3-10 Minuten Reward-Pause), fühlt sich das langsam an. Nicht weil es langsam ist — es ist normale Software-Geschwindigkeit. Es fühlt sich nur so an im Vergleich zur Vibe-Frequenz.

Symptom 2: Zeitwahrnehmung kollabiert

In Vibe-Coding-Sessions verliere ich die Zeit anders als in klassischen Code-Sessions. Was sich wie 30 Minuten anfühlt, sind oft 2-3 Stunden gewesen.

Fraunhofer IESE schreibt in einem Mai-2026-Blogpost zu Vibe-Coding-Risiken, dass dieser “Flow-State auf Steroiden” einer der primären Sicherheitsrisiken ist: man committed Code, den man nie gelesen hat, an Stellen, deren Konsequenzen man nicht durchdacht hat.

Praktisches Beispiel von mir, letzte Woche: ich saß Donnerstagabend an einem Bonblick-Feature, fing um 19:00 an, dachte “noch 30 Min”. Aufgeschaut um 22:45. Vier Stunden in Vibe-Coding-Loop, ohne Mittagessen-Äquivalent, ohne Pause. Output war gut. Körper war fertig.

Symptom 3: Schwierigkeit beim Aufhören

Das dritte Symptom ist das diagnostisch klarste. Aufhören mit Vibe Coding fühlt sich an wie aufhören mit Netflix mitten in einer Folge.

Selbst wenn ich weiß dass es 21:00 ist (mein hard cutoff per Acht-Projekte-parallel-Post), selbst wenn der Feature-Branch fertig ist, selbst wenn ich müde bin — der Reflex ist “nur noch eine Iteration”. Und das ist exakt die Reaktion, die jeder Spielautomat per Design auslöst.

Drei Symptome im Vergleich zu klassischen Reward-Loops Inline-Image-Platzhalter: Vergleichsdiagramm der drei Symptome. Asset folgt.

Was es mit klassischen Addiction-Mechaniken gemein hat

Ich bin kein Suchtforscher. Aber die Parallelen sind so deutlich, dass die Begrifflichkeit greift:

Klassische Addiction-MechanikVibe-Coding-Pendant
Variable Reward ScheduleManchmal genial, manchmal Müll → unvorhersehbar
Niedrigschwelliger ZugangTippen, warten, lesen — keine Setup-Kosten
Sozialer VergleichIndie-Hacker-Twitter, ChatGPT-Communities, Show-HN-Posts
Sunk-Cost-Fallacy”Nur noch ein Prompt, dann hab ich’s”
Time-DistortionWie oben — Stunden verschwinden
Reward-AnticipationErwartung des nächsten Outputs ist Teil des Highs

Das ist keine moralische Wertung. Software-Engineering ist nicht moralisch besser oder schlechter als andere Reward-driven Aktivitäten. Aber wenn die Mechanik eine Addiction-Mechanik ist, sollte man sie mit Addiction-Disziplin behandeln.

Die DGPPN-Leitlinie zu Internet-Gaming Disorder listet sechs Diagnosekriterien für Verhaltenssucht. Ich erfülle Kriterium 1 (Kontrollverlust beim Beenden), Kriterium 2 (Zeitwahrnehmungs-Distortion), und Kriterium 4 (Fortführung trotz negativer Konsequenzen — Schlafmangel) regelmäßig nach langen Vibe-Sessions. Nicht klinisch, aber phänomenologisch parallel.

Drei Stop-Listen aus 12 Monaten Praxis

Diese drei Stop-Listen haben mich vor den schlimmsten Auswüchsen geschützt.

Stop-Liste 1: Tageszeit-Begrenzung

RegelKonsequenz
Kein Vibe Coding vor 09:00Morgen-Energie für Spec/Design, nicht Reward-Loops
Kein Vibe Coding nach 21:00Hard cutoff, sonst läuft es bis 02:00
Maximal 90 Min Vibe am StückSlot-Regel aus Acht-Projekte-parallel-Post
Mindestens 30 Min klassisches Code-Lesen pro TagReset für Code-Lese-Skill

Stop-Liste 2: Output-Begrenzung

RegelKonsequenz
Niemals direkt auf main commitsenBranch + PR-Review-eigene-PRs
Test-Coverage check vor jedem Pushauto-test aus Conductor zwingt das
Architecture-Decisions nicht im Vibe-ModeSpec-Phase separat morgens
Production-DB-Operationen nicht im Vibe-ModeSandbox first, hardcoded

Stop-Liste 3: Körper-Signale

SignalAktion
60+ Min ohne Wasser-TrinkenHard reset, 10 Min weg vom Bildschirm
Wadenkrämpfe (Sitzen ohne Bewegung)Spaziergang, 15 Min minimum
Augen brennenBildschirm aus, 20-20-20-Regel
Müdigkeit aber Zwang zum WeitermachenDIESES Signal ernst nehmen — sofort stoppen

Die letzte Zeile ist die wichtigste. Wenn dein Körper “müde” sagt und dein Gehirn “noch eine Iteration” sagt, ist das die Addiction-Signatur.

Die eine Stop-Frage, die wirklich hilft

Wenn alle Stop-Listen versagen, hilft eine einzelne Frage:

“Was würde passieren, wenn ich jetzt einfach aufhöre?”

Antwort fast immer: Nichts. Das Feature wartet bis morgen. Der PR-Reviewer (ich) braucht ohnehin Schlaf. Der Markt wartet nicht auf 30 Min Code aus dem dritten Drittel der Nacht.

Diese Frage funktioniert weil sie das Sunk-Cost-Argument frontal angreift. Vibe-Coding-Trance lebt davon, dass ein imaginäres “fast fertig”-Ziel den Stop verhindert. Die Frage löst das Ziel auf — und plötzlich ist das Stoppen banal.

Die Stop-Frage als Trance-Breaker Inline-Image-Platzhalter: Visualisierung der Stop-Frage als Loop-Breaker. Asset folgt.

Warum ich trotzdem weitermache

Nach all diesen Symptomen die ehrliche Frage: warum nutze ich Vibe Coding täglich?

Drei Gründe:

  1. Produktivität ist real und messbar. Per Conductor-Telemetrie aus dem Acht-Projekte-parallel-Post: ~12.400 net new lines pro Woche bei 78% Test-Coverage. Das ist mit klassischem Code-Schreiben in der gleichen Zeit nicht erreichbar.
  2. Es ist altersgerecht. Ich bin 60. Tippen-Geschwindigkeit ist nicht mehr mein Wettbewerbsvorteil. Konzepte präzise formulieren ist es. Vibe Coding bezahlt das aus.
  3. Die Sucht-Mechanik ist beherrschbar. Mit den drei Stop-Listen plus der Stop-Frage bleibe ich funktional. Ohne sie würde ich es auch lassen.

Aber: wer ohne Selbstbeobachtungs-Erfahrung in Vibe Coding einsteigt — vor allem jüngere Entwickler mit weniger Kalibrierung am eigenen Reward-System — sollte mit deutlicher Vorsicht starten. Die Fraunhofer-IESE-Warnung zu Vibe-Coding-Risiken ist keine akademische Vorsicht, sondern eine reale Beobachtung.

Wo das hingeht

Drei offene Punkte, an denen ich aktuell arbeite:

  1. Telemetrie für Vibe-Sessions. Ich tracke meine Slots manuell, aber nicht den Anteil Vibe vs Spec/Architect. Ein Side-Tool, das das automatisch trackt, wäre Insurance.
  2. Sozialer Druck als Stop-Mechanik. Familie + enge Freunde wissen mittlerweile vom Vibe-Coding-Sog. Wenn meine Frau “es ist 22:30, alles okay?” fragt, ist das ein realer Stop-Trigger. Soziale Stop-Mechaniken sind wirksamer als selbstgesetzte.
  3. Diskurs-Lücke schließen. Dieser Post ist Teil dessen. Wenn die Vibe-Coding-Diskussion nur über Produktivitäts-Wins läuft, fehlen die Selbstbeobachtungs-Stimmen. Das hilft niemandem auf Dauer.

Wenn du selbst Vibe Coding praktizierst und dich in den drei Symptomen wiederfindest: schreib mir auf LinkedIn. Erfahrungsaustausch hilft.

FAQ

Ist Vibe Coding wirklich vergleichbar mit einer Sucht?

Phänomenologisch teilweise ja (Variable Reward Schedule, Time Distortion, Kontrollverlust beim Beenden), klinisch nein. Es gibt keine etablierte Diagnose “Vibe Coding Addiction”. Aber die DGPPN-Leitlinie zu Internet-Gaming Disorder erkennt strukturell ähnliche Verhaltenssüchte an.

Sollte ich aufhören Vibe Coding zu nutzen?

Nein, wenn du den Produktivitäts-Gewinn schätzt und die Stop-Mechaniken oben einhältst. Ja, wenn du Symptome an dir beobachtest und keine Stop-Mechanik etabliert kriegst. Das ist eine sehr persönliche Kalibrierung.

Was ist der Unterschied zwischen Vibe Coding und Agentic Coding?

Vibe Coding = Vertrauen auf Output, keine Code-Review, Reagieren auf Verhalten. Agentic Coding = Vertrauen auf Prozess, Spec-Driven, Test-getrieben. Mein produktiver Mix ist 80% agentic, 20% vibe. Detail hier.

Macht Vibe Coding schlechten Code?

Nicht zwangsläufig. Aber es macht unverstandenen Code. Das Risiko ist nicht Bug-Density, sondern dass du Code in Produktion hast, dessen Verhalten bei Edge Cases du nicht vorhersagen kannst. Disziplin in Test-Coverage und PR-Review fängt das ab. Ohne Disziplin: ja, schlechter Code.

Warum schreibt niemand sonst über die Sucht-Dimension?

Vermutlich aus drei Gründen: (1) der Diskurs ist noch jung (Karpathy 2025), (2) Produktivitäts-Wins sind sichtbarer als langsame Side-Effects, (3) die Sucht-Dimension ist persönlich/peinlich. Punkt 3 ist warum dieser Post existiert.


Geschrieben am 17. Mai 2026 in Hamburg. Persönlicher Erfahrungsbericht, keine medizinische Aussage. Wenn du diesen Post hilfreich findest, verlinke ihn — die Selbstbeobachtungs-Perspektive ist im Vibe-Coding-Diskurs unterrepräsentiert.